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Frühstück mit der Drohne – Tagebuch aus Gaza

An dem Buch hatte ich zu knabbern.

Atef Abu Said ist verheiratet, hat Kinder und ist ein palästinensischer Journalist, der in Gaza lebt.

Als die israelischen Angriffe am 7. Juli 2014 beginnen, beginnt er Tagebuch zu schreiben. Wir erinnern uns: an diesem Tag stand die deutsche Mannschaft einen Tag entfernt vor dem Halbfinale gegen Brasilien.

Die Palästinenser rechnen Zeit anders: sie rechnen in Kriegen oder Friedenszeiten, je nachdem. Trostlosigkeit machte sich bei mir breit, mit jedem Tag wurde die Hoffnung ungewisser, ob es denn endlich einen Schlusstrich geben würde. Und wie so häufig in modernen Kriegen steht man dem Feind nicht mehr persönlich gegenüber, sondern hört allenfalls ein Sirren, bevor die Explosion dich von den Füßen reißt. Am Anfang zählt Atef Abu Said noch die Namen derer auf, die ihr Leben verloren, doch auch das wird sporadischer, weniger, bis zuletzt auch die Toten nicht mehr eine Stimme haben, die über sie spricht.

Der Autor erzählt von den Momenten trügerischer Ruhe, die im Grunde genommen auch schlimmer sind als die Lautstärke der Explosionen, denn er weiß nicht, wie lange sie halten wird. Kann er seinen Kindern vermitteln, warum es eben heute nicht gut ist, mal für kurze Zeit an die frische Luft zu gehen? Wo können er und seine Lieben erstmal sicher übernachten, wenn selbst die Schulen der UN als nächstes auf der „Schwarzen Liste“ stehen? Über allem schwebt die Unsicherheit, auch darüber, ob die Informationen korrekt sind: gibt es Friedensverhandlungen oder stimmt das Gerücht mit der dreitägigen Feuerpause?

Von Tag zu Tag werden die Sätze kürzer, knapper und symbolisieren damit eine Hoffnungslosigkeit, die sprachlos macht und den Leser bestürzt zurück lässt.

Dennoch ist das Buch durchaus als Dokument eines Zeitzeugen zu sehen und zu verstehen.

Empfehlenswert, auch wenn ich nur in kleinen Etappen lesen musste.

„Frühstück mit der Drohne – Tagebuch aus Gaza“

Atef Abu Said

Unionsverlag, 2015

Gebunden, 256 Seiten

Printausgabe: 19,95€

eBook: 14,99€

Zu bestellen in jeder Buchhandlung!

Yasmina Khadra „Die Schuld des Tages an die Nacht“

khadraKrieg ist niemals gut. Es gibt auch weder eine gute oder schlechte Seite im Krieg. Er hinterlässt Narben, bei denen, die auf der Verliererseite stehen, aber auch bei den Gewinnern. Krieg ist kein reinigendes Unwetter nach fast unerträglich heissen Tagen im Sommer. Von beiden Seiten werden immer wieder Gründe hervorgebracht, warum gerade dieser Krieg so notwendig ist, warum es notwendig ist, Frauen die Männer und Söhne, Kinder die Träume und unbeschwerten Zeiten und den Männern die Lebensfreude zu nehmen. Krieg kann nicht gut sein.

Algerien hat nun mittlerweile einige Kriege im letzten Jahrhundert hinter sich gebracht, zahllose Menschen sind getötet worden auf vielen Seiten. Und das erste Mal, dass ich die Beklemmung dieses Volkes wirklich spüren konnte, ist dem Buch „Die Schuld des Tages an die Nacht“ von Yasmina Khadra zu verdanken.

Er entführt uns mithilfe seiner Hauptfigur Younes in das Algerien der dreissiger Jahre. Younes wächst in einem kleinen algerischen Dorf auf, Armut begleitet seinen Weg und seine Familie. Eines Tages vernichtet ein Feuer die Ernte und damit den Lebensinhalt der Familie und Younes muss mit ihnen nach Oran ziehen, in das elendste Viertel. Erst dort erfährt er, dass er auch einen Onkel hat. Sein Vater lehnt aus falschem Stolz jegliche Hilfe ab und versucht, selbst auf die Beine zu kommen. Younes‘ kleine Schwester ist nach dem Feuer schwer traumatisiert und seine Mutter versucht trotz der Widrigkeiten, den Kindern einen stabilen Halt zu gewährleisten. Eines Tages wird Younes‘ Vater Issa ausgeraubt von einem berüchtigten Strassenräuber. Ausser sich vor Wut tötet Issa diesen und bringt Younes einen Tag später zu seinem Bruder, damit sein Sohn eine Chance habe.

Younes geniesst eine glückliche Kindheit und Jugend bei seinem Onkel, wird Apotheker und verliert doch nie die Suche nach seiner Mutter und Schwester aus den Augen, die seit dem Mord durch Issa verschwunden sind. Er freundet sich mit drei anderen jungen Männern an, und diese Freundschaft wird stark in Mitleidenschaft gezogen, als Emilie den vieren begegnet….

Ein tragischer Roman, ein wunderbares Buch, das von der tiefen Liebe des Autors zu seinem Heimatland erzählt.

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