1989 versus 2020

Momentan versuche ich zu verstehen, wie Menschen, die sich durch Masken und allgemeine Einschränkungen an 1989 erinnert fühlen.

„Wir sind das Volk!“

Damit liefen 1989 jeden Montag Menschen durch die Strassen von Leipzig und forderten mehr Rechte ein. Reisefreiheit – ohne Devisenvorgabe (15 Westmark für jeden DDR-Bürger, der mit Genehmigung in den Westen reisen durfte) und nicht unbedingt nur die Ostblock-Staaten, freie Berufswahl – wenn die Eltern zur falschen Bevölkerungsgruppe zählten, durfte in dem Jahr halt nicht studiert werden (Pech gehabt!), man musste aufpassen, wem man was sagt (Stasi muss hier nicht erklärt werden) und wer an prominenter Stelle saß – ob als Sportler, Künstler oder Journalist oder an irgend einer anderen exponierten Stelle, konnte gut mit der eigenen „Karriere“ bzw der der eigenen Familie erpresst werden.

Als Schülerin hatte ich jeden Mittwoch den berühmten Pioniernachmittag, musste als Agitatorin die Wandzeitung und das Gruppenbuch gestalten, natürlich systemkonform!, am Geburts- und Todestag des Namensgebers (meist ein Antifaschist) der Schule wurden wir in Pionierbluse oder FDJ-Hemd gequetscht und durften Blumen niederlegen. Samstags wurde der Fahnenappell vor dem Schulbeginn um 7.20 Uhr abgehalten. Mit Chor und Fahne hissen. Standesgemäß. Wer die neunte Klasse besuchte, hatte dann ein ganz besonderes Schmakerl vor sich: 2 Wochen Wehrpflichtübung.

Die hätte ich vor mir gehabt (ich habe mir siebeneinhalb Jahre den Kopf zerbrochen, wie ich über diese verdammte Mauer komme und nicht wie ein Depp aussehe dabei), aber dann kam der Mauerfall. Und damit ein kleines Chaos. Samstagsappell wurde abgeschafft, wir durften endlich am Wochenende ausschlafen, wir mussten keine Vaterlandslieder mehr singen, die von Kameradschaft und Genossenliebe nur so strotzten. Wir durften – wenn wir denn das nötige Kleingeld besaßen – endlich reisen. Und unsere Regale in den Läden waren gefüllt. Wir mussten nicht mehr wegen 2 Bananen pro Person anstehen (in Berlin ja eh nicht, aber die Provinz war da sehr viel ärmer dran). Endlich lernte man andere Essenskulturen kennen.

Wir mussten sehr viel umschalten und -lernen. Lerne, wie man plötzlich mit sehr viel mehr Verantwortung und weniger Geld durchs Leben kommt. (Vielleicht, wenn ein behüteter 18-jähriger plötzlich die eigene Wohnung bezieht in einem fremden Land und für seinen eigenen Lebensunterhalt aufkommen muss.)

Pegida und ihre Ableger kaperten die Montage und die „Volk“-Rufe.

Und dann kam Corona. Und mit dem Virus all jene Menschen, die das Tragen einer Maske beim Einkaufen oder in Räumen als Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte wahrnahmen. Die nicht mehr reisen durften, wohin sie wollten (das Grundrecht auf Urlaubsreisen gibt es nicht!), die im Grunde jede Massnahme der Behörden als störend und nervend empfanden.

Und die 1989 heranziehen in Verbindung mit dem Demonstrationsrecht (gab es in der DDR nicht!) oder der Meinungsfreiheit (Entschuldigt bitte, aber DDR-Bürger hatten so etwas definitiv nicht. Ich erinnere mich daran, dass wir damals zum Klassenrapport beim Direktor antreten mussten, weil wir Honeckers Konterfei im Musikzimmer mit Knetekügelchen verzierten. Als Neunjährige. Als Neunjährige hat man noch keine richtige Meinung.)

1989 sind die Menschen auf die Strasse gegangen. Wohl wissend, dass jederzeit die Polizei oder die Armee herangezogen werden konnte. Mit Schießbefehl. Also kommt mir nicht mit diesem dämlichen und absurden Vergleich.

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